Tag 45.5 – Meine Wenigkeit

Nachdem ich jeden Tag so mehr oder weniger ausführlich beschreibe wo ich denn hergelaufen bin, was ich gesehen habe, wie das Wetter ist und was ich esse, ist es nun an der Zeit die andere Seite zu beleuchten. Dabei kann ich nicht versprechen, dass aus den nächsten Zeilen sinnvolles entspringt. Denn die Leute die mich kennen wissen, für so eine Art von Konversation ( zugegebenermaßen für die meisten) bin ich nicht das erquikendste Gefäß.
Also vor ca. 3 Jahren sah ich, wie jeder andere deutsche Wanderer auf dem AT, einen Teil der Dokumentation 3500 km zu Fuß durch die Wildnis Amerikas. Danach gab es ausführliche Recherche im Netz und über die Jahre begleitete ich, wie Ihr jetzt,  andere Wanderer über WordPress und Blogspot auf ihren Reisen. Mit Wandern hatte ich nichts am Hut. Allerdings ließ mich der Gedanke nicht los diese Reise selbst zu unternehmen. Also. Wieso wandert man 3500 Kilometer Berg rauf, Berg runter ohne vorher je wirklich Begeisterung fürs Wandern aufgebracht zu haben?
1) In anderen Augen Verrückte Dinge zu unternehmen war für mich schon immer eine Leichtigkeit. Nächtliche Fahrten durch Deutschland um am nächsten Morgen Prüfungen im Studium abzulegen zählt da wohl schon zum Standardverhalten. Genau so wie ich mich für ein Orchester begeistern kann, hat mich halt auch der AT in den Bann gezogen.  Und die Unterschiede im sozialen Verhalten sind denen eines Orchesters nicht so unähnlich wie man denkt. Alle arbeiten an einem Ziel. Somit entsteht eine wirklich positive Gruppendynamik die zwar weniger Konstante aufweist aber trotzdem vom Anfang bis zum Ende jeden, also mich, in den Bann zieht. Man kann jeden Tag genießen,  neue Leute kennen lernen, Berge besteigen, Abenteuer erleben. Und wir wollen alle das gleiche. So finden sich auf dem Weg nach Maine kleine oder größere Gruppen die Tage oder Monate zusammen unterwegs sind. Je nach dem in welcher Verfassung man ist, oder wie es einem passt.
Mit Lonestar bin ich dann auch knapp 200 Meilen gelaufen bis er krank wurde.  Das war nicht schlimm,  aber traurig. Danach war ich bis Erwin mehr oder weniger allein unterwegs,  habe natürlich immer wieder neue Leute kennen gelernt. Die Gruppe in der ich dann war, gefällt mir wirklich sehr gut. Ein toller mix aus Charakteren. Einer verliert ständig alles. Man hat ihm im Sturm auf einem Berg sogar seine Zahnbürste nachgetragen die mitten auf dem Trail lag. Abends rennt er dann immer durchs Lager und fragt: Hast du meine Kopflampe gesehen, wo ist mein Löffel?! Herrlich. 
Viele spielen auch Violine. Bestimmt 20 Menschen die ich getroffen habe.
Worauf ich hinaus will ist, dass die Gruppeneigenschaften die sich bilden ein Grund sind warum ich hier bin.
Natürlich will ich auch körperliche Grenzen erfahren. Aber das dient als nebensächlicher ansporn.
Die Natur und Aussichten welche man sich zusammen hart erarbeitet sind  weitaus wichtigere Gründe.
Sozusagen ein Mix aus der Hilfsbereitschaft der hier versammelten Menschen, einem großen Abenteuer und tollen Erfahrungen in der Natur. 

Da wären wir beim nächsten Thema: Tagelang im Wald
Die Bedürfnisse schrumpfen hier wirklich weit hinab. Man ist froh wenn man abends etwas warmes zu Essen hat,  Wasser und einen trockenen Schlafplatz + Schlafsack.  Alles andere ist nebensächlich. Allerdings gibt es viele kleine Faktoren die das tägliche Wandern beeinflussen. 
Ich finde Regen z.B. überhaupt nicht störend wenn ich abends trocken unterkomme und meine Sachen halbwegs trocknen.  Wenn nicht auch egal, am nächsten Tag sind sie entweder nach 30 Minuten laufen trocken oder wieder nass geschwitzt.  Nur wenn es Regen für mehrere Tage gibt wird es ohne Hostel zum trocknen schwierig. Man will also einen trockenen Rucksack.
Tagsüber sind neben den Aussichten die Snacks welche man mit schleppt kleine Höhepunkte.  Ich liebe meine honeybuns und trage eine Menge davon in meinem Rucksack.  Wasser putsche ich mit Brausepäckchen auf. Das macht einen riesen unterschied, Dinge zu haben die man gern hat, oder Tag ein Tag aus klares Wasser zu trinken und Trailmix zu essen.
Wir freuen uns schon wenn ein Shelter eine gescheite Wasserquelle besitzt zu der man nicht 10 Minuten laufen muss oder ein Besen zum sauber machen da ist. Das Privy mehr als eine Wand hat oder ein Hinweisschild mit Meilenangaben im Wald steht. Über jeden Sonnenaufgang den wir live miterleben können und jeden Blitz der den Nachthimmel erleuchtet.  Über sternenklare Himmel in der Nacht und einen Keks in einer TrailMagic Kiste am Wegesrand. Über jedes Reh jedoch nicht über Schlangen und Fliegen. Die nerven mich zu Tode.

Das habe ich schon vor Ewigkeiten verfasst.  Aber für so etwas ist es ja nie zu spät. 

Sind heute im frühen morgen aus Daleware Water Gap gewandert und warten im Appalachian Mountain Club (10 Meilen) auf die Eröffnung der Küche.  Danach geht’s noch mindestens 17 Meilen zum nächsten resupply. Wetter ist gerade wieder trocken.

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